Meine grössten Ängste, kurz bevor wir ein neues Produkt launchen? Einerseits die Frage, wie das Modell bei euch ankommen wird? Wird es sich verkaufen? Hat sich all die Arbeit gelohnt? Aber eben auch: Was löst der Name bei euch aus?
All unsere Heldinnen
Von Anfang an haben wir bewusst unsere eigenen Held*innen als Inspiration für unsere Lingerie und Loungewear gewählt. Marilu zum Beispiel war benannt nach meiner Freundin Marie-Louise und Emilia war der Name, den ich dem Mädchen aus dem Song "Schwan" gegeben habe, mit dem ich mich immer dann identifizert hatte, wenn ich als Kind im Sportunterreicht mal wieder als letzte gewählt wurde.
"...u d'Flüguu trage sie so wit Wius keni Gränze meh git..."
Sophie war die Heldin aus der Kindheit von Mathilda und Alison ist der zweite Name einer Künstlerin, die Menschen rund um den Globus begeistert. Wir ließen uns von bekannten Politiker*innen inspirieren (natürlich nur von denjenigen, die auch unsere Werte vertreten), von Frauen, die uns in Büchern begegneten und von denen, die unser eigenes Leben berührten und oder die Welt auf ihre eigene Art und Weise verändert haben.
Der Schattend der Heldin und ihr Mut
Doch klar, all diese Personen – und die Autor*innen hinter den Geschichten – haben auch eine dunkle Seite oder etwas, das uns an eigene schwierige Zeiten erinnert.
Wie Gisèle. Ihre Geschichte lässt uns sprachlos zurück, erschüttert unser Grundvertrauen und lässt uns an vielem zweifeln. Und das Schlimmste: All das ist in ihrem engsten, intimsten Kreis passiert, dort, wo sie sich schutzlos hingab und letztendlich ausgeliefert war. Ich werde ihre Geschichte heute nicht erzählen, aber du findest sie online mit einer einzigen Suche.
Ich möchte aber über ihren Mut schreiben. Gisèle spricht Dinge laut aus, sie schämt sich nicht, ihr Gesicht zu zeigen, ihre verletzlichsten Momente und die tiefsten Abgründe ihrer ehemals großen Liebe offenzulegen. Überhaupt schämt sie sich nicht für das, was ihr passiert ist. Genau deshalb ist sie meine persönliche Heldin.
Don't get me wrong
Ich selber bin sehr behütet aufgewachsen. Obwohl ich jetzt ständig im Internet Bilder von mir in Unterwäsche zeige, wurde ich nur einmal deswegen belästigt. Und dann war da noch dieses Erlebnis: In einem einsamen Zugabteil auf dem Weg von Düsseldorf nach Zürich setzte sich einmal ein Mann direkt hinter mich und wollte sich zwischen den Sesseln mit mir unterhalten. Als ich dann einschlief, beobachtete mich und als ich bei einer Haltestelle vom Rütteln geweckt wurde, blickte ich direkt auf seinen entblößten Penis. Ich habe ihn wütend angeschaut, geflucht und dann bin ich aufgestanden, weglaufen und habe mich in ein Wagon gesetzt, wo ich nicht mehr alleine war.
Diese Geschichte ist schlimm, ja, und ich will sie keinesfalls runterspielen. Doch ich hatte sie auch sehr schnell verarbeitet, es hat mich kaum Energie gekostet und sich nicht weiter in mir drin festgesetzt. Ich möchte mit dieser Geschichte auch nichts beweisen, sondern einfach nur offenbaren, aus welcher Position ich diese Worte schreibe.
Ich bin dankbar. Dankbar dafür, dass mir, abgesehen von den beiden Belästigungen nichts passiert ist - auch wenn das eigentlich selbstverständlich sein sollte!
Gisèles Geschichte hingegen... Sie überrollt mich. Und Gisèle selber? Diese Frau berührt mich so tief. Diese Stärke, dieser Mut... Sie lässt mich staunend zurück.
Darum heißt Gisèle "Gisèle".
Rosa, Gisèle und Du.
Kurz nach dem Launch des neuen Sets kam dann eine Frau in mein Studio. Zielstrebig lief sie auf Gisèle zu, berührte mit ihren Fingern zart die feine Spitze und sagte: „Ich hab Gisèle online gesucht, niemals könnte ich dieses Set tragen, jetzt, wo ich ihre Geschichte kenne...“ Zack, da war sie: meine Angst ist Realität geworden. Die Geschichte von Gisèle hat in der Frau, die jetzt Rosa nennen, etwas ausgelöst. Nur wenige Augenblicke später erhielt ich einen tiefen Einblick in Rosas Gefühlswelt und ihre eigene Geschichte – was soll ich sagen? Es tut mir einfach nur leid. Leid, dass es Menschen gibt, die so etwas erleben müssen. Menschen wie Gisèle. Menschen wie Rosa. Wie vielleicht auch du. Es kann uns alle treffen.
Aber das, was passiert ist, ist nicht die Schuld von Gisèle. Es ist nicht die Schuld von Rosa. Es ist nicht meine Schuld und auch nicht deine Schuld. Es ist einzig und allein die Schuld der Täter.
Unsere Ode an Gisèle ist eine Ode an Rosa und all die anderen Frauen und FLINTAs, die so etwas erleben mussten. Und es ist eine Erinnerung daran, dass wir uns dafür nicht schämen müssen.
Darum Gisèle. Für Rosa. Für dich. Für uns alle.